
Über 600 Jahre Mühlengeschichte in Giersleben
Die Geschichte der heutigen Lucas-Mühle reicht weit zurück. Bereits 1381 wurde die Gierslebener Mühle erstmals urkundlich erwähnt. Seitdem hat sie zahlreiche Besitzer erlebt, Brände überstanden, technische Veränderungen durchlaufen und selbst schwere Hochwasser überlebt.
Über Jahrhunderte war die Mühle nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein wichtiger Bestandteil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Giersleben. Heute wird dieses Stück Ortsgeschichte durch den Lucas-Mühle e. V. erhalten und mit neuem Leben gefüllt.
1381
Die erste urkundliche Erwähnung
Die erste bekannte urkundliche Erwähnung der Gierslebener Mühle stammt aus dem Jahr 1381. Sie findet sich im „Codex Diplomaticus Anhaltinus“.
Das Domstift zu Goslar übertrug damals dem Ascherslebener Bürger Hans Heidolf die Gierslebener „Mole“ als eine Art Erbpachtgut.
Im 14. Jahrhundert erlebten die anhaltischen Mühlen eine wirtschaftliche Blütezeit. Nach dem Jahr 1400 setzte jedoch ein wirtschaftlicher Niedergang ein.
Um 1500 finden sich Ritter, Klöster, Bürger und Bauern als Mühlenbesitzer. Im 16. Jahrhundert versuchten zunehmend die anhaltischen Fürsten, die Kontrolle über die Mühlen zu erlangen. Giersleben gehörte damals zum Amt Warmsdorf in Anhalt-Köthen.
Schon gewusst?
Zwischen 1381 und 1663 sind laut der überlieferten Chronik keine weiteren Akten zur Gierslebener Mühle erhalten.
„Seit mehr als sechs Jahrhunderten gehört die Mühle zur Geschichte Gierslebens.“
1381 – heute
Besitzer und Pächter im 17. Jahrhundert
Ab 1663 lässt sich die Geschichte der Mühle wieder genauer nachvollziehen. Von 1663 bis 1668 befand sie sich im Privatbesitz von Ludolf Priegnitz. Anschließend gehörte sie von 1668 bis 1680 Zacharias Jahke.
Im Jahr 1680 verkaufte Jahke die Mühle an das Amt Warmsdorf und wurde anschließend selbst ihr erster Pächter.
🔥 1684 – Die Mühle brennt ab
Im Jahr 1684 brannte die Mühle vollständig ab. Zacharias Jahke musste sie auf eigene Kosten wieder aufbauen. Die finanziellen Belastungen waren offenbar so groß, dass er die Pacht später nicht mehr bezahlen konnte und die Mühle 1690 verlassen musste.
1690 – 1696
George Eckert
1700 – 1715
Urban Kerten
1720
Barthel Otto
Geschichte am Rande
Über Urban Kersten findet sich eine ungewöhnlich düstere Überlieferung. Er soll unter dem Eis ertrunken sein. Die damalige Aufzeichnung vermutete sogar, dass er das Loch möglicherweise selbst geschlagen hatte.
Die Mühle wechselt ihre Besitzer
1737 bis 1884
1737 verkaufte die Ehefrau Barthel Ottos die Mühle für 3.000 Taler an Christian Gottlieb Wernicke. In den folgenden rund 150 Jahren wechselte das Anwesen mehrfach seinen Besitzer.
| Zeitraum | Besitzer |
| 1737 – 1745 | Christian Gottlieb Wernicke |
| 1745 – 1777 | Oswald Rittel (Calbe) |
| 1777 – 1801 | Georg Curth (Dessau) |
| 1801 – 1803 | Johann Christian Eulenberg (Neundorf) |
| 1803 – 1806 | Georg Schubert (Giersleben) |
| 1806 – 1812 | Christian Heinrich Schubert (Giersleben) |
| 1812 – ca. 1828 | Heinrich Christian Wendenburg (Meisdorf) |
| 1828 – ca. 1840 | Friedrich Andreas Engel (Brumberg) |
1832 – Die Mühle brennt erneut
Im Jahr 1832 wurde die Mühle erneut durch einen Brand zerstört. Doch auch dieses Ereignis bedeutete nicht das Ende des Mühlenstandortes. Die Anlage wurde wieder aufgebaut und weiter betrieben.
| ca. 1840 – 1858 | August Christian Wenhe (Giersleben) |
| 1858 – ca. 1878 | Friedrich Fest |
| 1880 | Eggeling |
| bis 1884 | Rudolf Röhrig |
1884
Die Familie Lucas übernimmt die Mühle
Mit Julius Lucas begann ein besonders prägender Abschnitt der Mühlengeschichte. Julius Lucas, geboren 1855, übernahm die Mühle im Jahr 1884 und führte sie bis 1922.
Sein Familienname prägt den historischen Ort bis heute und gab der heutigen Lucas-Mühle ihren Namen.
Aus der Gierslebener Mühle wird die Geschichte der Familie Lucas – und später die Lucas-Mühle.
1922 übernahm Hans Lucas, geboren 1888, den Betrieb und führte die Mühlentradition bis 1963 fort.

Vom Mühlrad zur Turbine
Im Jahr 1921 wurde das bisherige Mühlrad durch eine Francis-Zwillingsturbine ersetzt. Damit hielt moderne Technik Einzug in die Gierslebener Mühle.
Die Wasserkraft der Wipper konnte nun wesentlich effizienter genutzt werden. Über eine Transmission lieferte die Turbine Energie für die Mühle, ein Sägewerk und einen Generator.
Historische Fotos


1963
Das Ende des aktiven Mühlenbetriebes
Bis 1963 wurde die Mühle aktiv betrieben. Während der DDR-Zeit wurde die Anlage anschließend von der LPG weitergeführt. Nach und nach erfolgte jedoch der Rückbau der ursprünglichen Mühlentechnik.
Damit endete nach mehreren Jahrhunderten die klassische Nutzung der Gierslebener Mühle.
1993
Ein Neuanfang
1993 wurde die Mühle von den Enkeln der Familie Lucas aufwendig saniert. Es entstanden neue Pläne für die weitere Nutzung des historischen Familienerbes.
1994
Die Wipper zeigt ihre Kraft
Nur ein Jahr später traf die Mühle erneut ein schwerer Schicksalsschlag. Ein Hochwasser der Wipper zerstörte die Pläne für eine weitere Nutzung des Familienerbes.

2019
Ein neues Kapitel beginnt
Im Jahr 2019 wurde der gemeinnützige Lucas-Mühle e. V. gegründet. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die historische Mühle zu pflegen, zu erhalten und zu revitalisieren.
Aus dem ehemaligen Arbeitsort entwickelt sich wieder ein Ort der Begegnung. Geschichte, Kultur, Veranstaltungen, Gemeinschaft und ehrenamtliches Engagement treffen heute an der Lucas-Mühle aufeinander.

„Die Lucas-Mühle erzählt nicht nur von vergangenen Jahrhunderten. Sie zeigt, wie ein historischer Ort durch Engagement, Gemeinschaft und Heimatverbundenheit eine neue Zukunft bekommen kann.“
Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Quellen: Chronik der Gierslebener Mühle; Festschrift „1000 Jahre Giersleben“; historische Unterlagen und Fotografien aus dem Mühlenarchiv.
